Inhalte der Lehrgangsreihe Psychosomatische Grundversorgung

Das folgende Curriculum der AIM-Weiterbildung Psychosomatische Grundversorgung entspricht der derzeitigen Planung für die nächsten Kurse. Die Reihenfolge der Themen kann sich kurzfristig – auch über das Modul hinweg – ändern. In der Regel werden jedoch alle angegebenen Themen im Rahmen eines gesamten Lehrgangs unterrichtet, so dass Sie am Ende der Weiterbildung über eine umfassendes Wissen verfügen und Ihre Behandlungsspektrum dementsprechend erweitern können.

Bei der Konzeption des Curriculums hat die AIM besonderen Wert auf praktisches Handlungswissen gelegt, das die tägliche Arbeit mit psychisch belasteten Patienten erleichtert. Besondere Bedeutung kommt dabei der Vermittlung von Gesprächskompetenz zu. Dies stellt keine Kurzversion psychotherapeutischer Interventionen dar, sondern kommt der sinnvollen Forderung der Psychotherapierichtlinien nach, eine eigenständige, an den Patienten angepasste Gesprächs- und Therapieform darzustellen. Die Wichtigkeit dieses Teils der Weiterbildung spiegelt sich auch in den insgesamt 30 Stunden für „Verbale Intervention“ wieder. Zu unserem Curriculum gehören auch Fallvorstellungen und die Arbeit an Fallvignetten.

Details können Sie aus dem Musterkursbuch der Bundesärztekammer für Psychosomatische Grundversorgung unter Punkt 3.3. finden. Musterkursbuch (PDF) »

 

Inhaltliche Schwerpunkte

Um ein möglichst praxistaugliches Wissen zu vermitteln haben wir einige diagnostische Bereiche stärker fokussiert, andere dagegen – gerade gegenüber einer Psychosomatik „klassischer“ Prägung – eher in verkürzter Form in die Ausbildung aufgenommen. Zu den eher kürzer dargestellten Syndromen gehören z.B. die als Psychosomatosen bezeichneten Erkrankungen, bei denen eine Organläsion vorliegen muss und für die man einen ursächlich kausalen Einfluss seelischer Konflikte annimmt. Der Grund für diese Verschiebung liegt erstens in der heute stark verbesserten, symptomatischen Behandelbarkeit der ursprünglichen Psychosomatosen wie z.B. den Gastritiden, der Migräne, der Polyarthritis oder dem Bronchialasthma und zweitens gibt es z.T. wichtige neue ätiologische Erkenntnisse zur Krankheitsgenese wie bei der atopischen Dermatitis. Beide Faktoren führten dazu, dass der Behandlungsdruck für diese Patienten auf den niedergelassenen Arzt geringer geworden ist.

Die gewonnene Unterrichtszeit kommt funktionalen Syndromen und Störungen der Krankheitsbewältigung zugute. Diese Schwerpunkte haben wir gewählt, da diese Syndrome in der haus- oder fachärztlichen Praxis die größere Herausforderung darstellen und zumeist schwieriger zu behandeln sind. Die Betroffenen ihrerseits suchen wiederholt um fraglich indizierte Diagnostik nach, neigen zu Unzufriedenheit und Ärzte-Hopping wegen anscheinend fehlender Behandlungsalternativen und binden dadurch viel Kapazität in den Praxen.

Mit besonderem Schwerpunkt – und teilweise stellvertretend für ähnliche Syndrome – werden u. a. die folgenden Beschwerdebereiche behandelt:

  • Schmerzstörungen
  • somatoforme ('funktionelle') Erkrankungen
  • Störungen bei der Krankheitsbewältigung (z.B. beim Tinnitus)
  • Essstörungen und Adipositas
  • Stressfolgestörungen (z.B. Posttraumastörungen)
  • Seltene und 'neue' Krankheitsbilder (z.B. 'Multiple Chemical Sensitivity')
  • Angsterkrankungen und depressive Erkrankungen

Insgesamt vermittelt die Seminarreihe eine Krankheitskonzeption, in der die Frage nach der Psychogenese der Symptome im Sinne eines Primats der psychischen Belastung oder des Konflikts eher offen gelassen werden kann, bis der Zusammenhang geklärt ist. In dieser Konzeption genügt es, von einer psychosomatischen Überlagerung mit einem erkennbaren oder zu vermutenden primären oder sekundären Krankheitsgewinn auszugehen.

 

Verbale Interventionen

Die Vermittlung von Gesprächskompetenz geschieht in einem zweistufigen Vorgehen.

(1) Unterrichtung in verbaler Basistherapie. 
Die Teilnehmer erwerben eine grundlegende Gesprächskompetenz, die sich u. a. durch folgende Skills auszeichnet: die Fähigkeit zum aktiven Zuhören, das zielgerichtete Spiegeln, die Aufklärung von Motiven und Ängsten über die Klarifikation von Affekten, die Motivation des Patienten zur Übernahme eines psychosomatischen Krankheitsmodells und zu mehr Eigenverantwortung in der Bewältigung der Erkrankung. Für die Vermittlung der beschriebenen Gespräch-Skills wird ein modifizierter nicht-direktiver Ansatz der Gesprächsführung als besonders geeignet angesehen.

(2) Spezifische Gesprächskompetenz entsprechend dem Störungsbild des Patienten. 
Für die meisten der genannten Störungsbilder können lösungsorientierte Interventionen oder Interventionsrichtungen benannt werden, die im Rahmen der psychosomatischen Behandlung dieses Patienten fokussiert werden sollten. Für den Schmerzpatienten wäre das z. B. die Ermutigung zur Wiederaufnahme von Aktivitäten, für eine Bulimie-Patientin wäre dies das angemessene Ausloten der Schlankheitswünsche und die Vereinbarung einer angemessenen Ernährungsmenge.

Die Arzt-Patient-Beziehung in der Selbstreflektion.

Für einen nutzbringenden Kontakt mit Patienten mit psychosomatisch überlagerten Erkrankungen sind an anderer Stelle bewährte, ökonomische Verhaltensweisen nachteilig. Dazu zählen eine steile Arzt-Patient-Hierarchie einschließlich einer möglicherweise unbewusst unterstützten Idealisierung des Arztes, eine paternalistische Haltung und ein fester Glaube an ein Primat des aufzuklärenden Gewebeschadens. Der Arzt darf und muss sich gegenüber dem Patienten zurücknehmen können, er sollte überzeugt sein, nicht viel mehr zu wissen als der Patient und die Grundüberzeugung haben, mit diesem kleinen Wissensvorsprung –auszukommen, der sich eher als Vorsprung in kommunikativen Fertigkeiten äußert.

Es ist ein Ziel der Weiterbildung, diese Zuversicht zu vermitteln. Das Interaktionsverhalten des Arztes im Kontakt mit schwierigen, psychosomatisch-überlagert erkrankten Patienten soll dadurch verbessert werden, dass der Arzt dem Patienten sicherer und dadurch angstfreier gegenübertreten kann. Die Angstfreiheit ermöglicht es, auf sicherheitgebende, aber bei psychosomatischen Patienten ungünstige Rituale wie eine patriarchale ärztliche Haltung und das Wecken positiver, aber schwer einlösbarer Erwartungen, zu verzichten. Sie sollten Ihre Berufsausübung als befriedigender wahrnehmen können, damit einem vorzeitigen Burnout entgegenwirken und Ihre Berufspraxis als weniger anstrengend erleben als ohne diese zusätzlichen Kompetenzen.

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